Tolle Leistung beim Ötztaler Radmarathon - Der Bericht
Persönliches sportliches Ziel 2010 erreicht – Ötztaler Radmarathon unter 8 Stunden

Im Winter haben einige LURS Sportler ihre Ziele formuliert. Meines war nach der Premiere beim Ötztaler 2009 diese Runde (238 km, 5500 Höhenmeter) womöglich unter 8 Stunden zu fahren. Man braucht Ziele im Leben, sonst so habe ich einmal gehört, kommt man „nirgendwo“ hin. Wie oft bekannt sollten Ziele „SMART“ (specific, measureable, agreed/realistic, reasonable, timebound). Das war damit der Fall. An dem Punkt stellt sich sofort, vor allem für weniger sportaffine Zeitgenossen, die Frage nach der Motivation. Bei meiner Wenigkeit kann ich das einmal so formulieren, dass ich grundsätzlich Freude an Bewegung habe, für Ausdauersport ein gewisses Talent mitbekommen habe, Bewegung in der Natur die körperliche und seelische Gesundheit fördern und von der Einfachheit, Effizienz und Umweltfreundlichkeit von Fahrrädern begeistert bin. Um den auch bei mir vorhandenen inneren Schweinehund zu überlisten, melde ich mich bereits im Winter für einen Event gegen Ende des Sommers an. Dann hat der Schweinehund fast keine Chance mehr, das Training wird fokussierter und wenn man einmal „drinnen“ ist, läuft es fast von alleine. Das Umfeld muss natürlich mitspielen. Dieses Jahr hat die Firma dazwischengefunkt und mich von Mai bis Juli fast jede Woche ins Ausland geschickt. Das Training war fast nur am Wochenende möglich. Danke hier an meine Familie. Um meine Zeit vom letzten Jahr zu verbessern, war mindestens der gleiche Aufwand nötig, d.h. ab Januar ca. 8000 Trainingskilometer in 8 Monaten. Das schaut dann so aus, dass man ab Mitte März jede Woche ca. 5 bis 15 Stunden lang Radtouren macht. Professionelles Training würde nur ca. 1x die Woche pausieren, das ist leider nicht möglich. Das Training selbst macht viel Spaß, auch weil fast nur der Grundlagenbereich trainiert wird. Im August wurden dann mehr Berge gefahren um die Kraftausdauer aufzubauen. Radfahrer mit Bergen vor der Haustür tun sich sicher etwas leichter, allerdings ist für das Grundlagentraining kein Berg erforderlich. Training in der Höhenlage ist wahrscheinlich für die Ausdauer förderlich.
- Das Kühtai mit 1240 Höhenmetern zum „Aufwärmen“ ist unregelmäßig und mit bis zu 18% einerseits schwierig zu fahren, andererseits ist man noch ausgeruht. Hier am Limit zu fahren verspricht eine gute Gruppe für die weitere flachere Strecke, aber das kann sich in der zweiten Hälfte des Rennens rächen. Habe heuer planmäßig in 65 Minuten relativ entspannt hochgekurbelt.
- Der Brenner von Innsbruck weg ist eigentlich kein richtiger Berg. Er hat zwar 740 Höhenmeter, aber auf 35 km verteilt ergibt das eine Fahrt im Windschatten des Gruppetto. Leider wollte in meiner ca. 30-köpfigen Gruppe niemand vorne fahren und ich war oben 3 Minuten hinter meinem Zeitplan. Habe die relativ entspannte Fahrt (30 km/h) genutzt um ausgiebig zu trinken und zu essen. Das habe ich zum letzten Jahr verändert. Entscheidend beim Ötztaler ist vor allem wie es einem am Berg 4 geht. Ob man dann noch „normal“ fahren kann oder mangels Energie leidet und nur mehr „bummelt“. Das Essen sollte sich bezahlt machen.
- Der Jaufenpass ist wunderbar zu fahren. Von Gasteig in Südtirol geht es durch schattige Waldpassagen über viele Serpentinen gleichmäßig über 1120 Höhenmeter rauf auf 2100 Meter. Meine Planzeit waren 62 Minuten und ich konnte den anfänglich durch die Verdauung noch stotternden Motor nach ca. 10 Minuten schön in Schwung bringen und mit Puls 150 in 60 Minuten oben bei der Labestelle erfreut feststellen, dass ich wieder fast im Plan war. Oben wurden beim Boxenstopp in guten 22 Sekunden beide Flaschen aufgefüllt. Bei der Abfahrt hat immer Sicherheit Priorität und ich habe ca. eine halbe Minute verloren.
- Nach 5 Stunden und 31 Minuten, 1 Minute langsamer als geplant war ich in St. Leonhard und der letzte und schwerste Berg, das Timmelsjoch stand vor mir. Es geht von 700 auf 2500 Meter hoch. Zirka in der Mitte des Anstiegs bei Schönau beim Gasthaus Speckmichl ist eine große Labestelle mit einem ca. 4 km langen flacheren Stück aufgebaut. Leider kann man die Labestellen nicht ausgiebig nutzen, wenn man ein knapp bemessenes Zeitziel hat. Irgendwann werde ich mitfahren und mich der LLFF (Labeleerfreßfraktion) anschließen. J Die Söldener Frauen und Männer haben all ihre Backkünste gezeigt… An den Laben gibt es auch eine Massagemöglichkeit und Radlmechaniker um möglichst viele der 4300 Starter ins Ziel zu bringen. Es hieß also wieder runterschalten, Rhythmus finden, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Vielleicht geht es sich ja noch aus die 8 Stunden zu unterbieten. Sicher schwierig, weil auf den anderen Bergen ich nur 2% schneller fahren musste als letztes Jahr und hier am Timmelsjoch 6%. Ein Bekannter aus unserer Gegend, der Erwin Gabler aus Horn, letztes Jahr Gewinner des „Kurzen“ bei den Wachauer Radtagen und leidenschaftlicher Rennfahrer fuhr wieder mit Vollgas in den Berg rein. Das ist nicht mein Ding. Unsere Gruppe hatte sich mittlerweile völlig aufgelöst und jeder fuhr „sein“ Tempo. Jetzt, um die Mittagszeit war es unten mit ca. 23 Grad im Schatten und Sonne auf den Felsen neben der Straße schon zu warm und der Schweiß floss in strömen. Ich hatte wieder die Warmlaufphase meiner Muskeln und des Herzkreislaufsystems zu überwinden und kam dann wieder gut ins klettern. Bei der Labestelle auf 1700 Meter kam ich nach 58 Minuten an und konnte nach dieser Belastungsdauer für mich noch gute 1000 Höhenmeter pro Stunde machen. Die Steiggeschwindigkeit in Verbindung mit dem Puls ist ein verlässlicher Indikator für die Leistungsfähigkeit eines Radfahrers. Hier war ich gesamt 15 Sekund schneller als geplant. Das gab Motivation für das letzte und schwerste Stück. Oben wo die Serpentinen wie an einer Wand von weitem sichtbar sind, die Luft immer dünner wird und die Müdigkeit immer größer wird, bekommt jeder Teilnehmer seine Leistungsgrenze aufgezeigt. Ich wusste vom letzten Jahr nicht mehr genau wann man endlich oben ist, hab schon gehofft mein Höhenmesser stimmt nicht (das kann bei Druckluftschwankungen bis zirka 100 Meter ausmachen). Hier fragt sich ob man einfach „normal“ fahren soll oder doch noch einmal versuchen soll irgendwo einen Rest einer Kraftreserve zu suchen und zu investieren. Genau hier fragt man sich wofür. Wenn interessiert es ob ich in 7:59 oder in 8 Stunden und ein paar Minuten die Ötztaler Runde fahre? Ich glaube das ist dann Charaktersache. In solchen Momenten gebe ich nicht das Letzte, man macht sich dann schon auch Sorgen um die Gesundheit, aber mit positiven Gedanken versuche ich es immer wieder. Den Erwin Gabler habe ich mittlerweile leidend eingeholt. Der konnte fast nicht mehr weiter. Vorm Tunnel oben habe ich einen eingeholt, der aussah wie Gerrit Glomser. Ich frage ihn „bischt du da Gerrit“? „Jo i bin’s“.... Mit dem Erwin habe ich da oben gemeinsame Sache gemacht. Wir hatten das gleiche Ziel, beim Ötzi eine Sub 8 Nadel zu bekommen. Wir haben uns gegenseitig hochgepusht und uns bei der Abfahrt im Wind abgewechselt. Zwischenzeit auf der Passhöhe auf 2509 Meter, wo ein Transparent mit „Hier hast du nun deinen Traum“ steht: 7:25:58, 1 Minute schneller als geplant. Hier hat man es noch nicht geschafft weil es nach kurzer Abfahrt bei der Mautstelle noch einmal steil 200 Höhenmeter rauf geht. Viele haben hier ihre letzte Energie verbraucht. Bei uns 2 ging’s jetzt noch so irgendwie. Er hatte zwar Krämpfe in den Oberschenkeln, aber durch gutes Zureden und meine Führungsarbeit ging es doch noch einmal halbwegs flott weiter. Der Wind und die Minigruppe von 2 Personen haben bei der Abfahrt gegen uns gespielt und 1 Minute ist auf 24 km schnell verspielt. Also auf den steileren Passagen möglichst klein machen, sonst weiter Druck auf’s Pedal bringen und immer den vorne fahren lassen, dem es gerade besser geht. Bei der 1000 Meter Marke wusste ich, dass es sich ausgeht. Hab dem Erwin einen kampflosen Zieleinlauf angeboten, was er sofort angenommen hat. Auch das Zeitmesssystem hat uns auf die Hundertstel genau mit 7:59:43,41 gestoppt. Damit sind wir Gesamt auf Platz 88 von ca. 4300 Teilnehmern und ca. 14000 Bewerbern.